Zufall im Hochzeitsfilm

Als Einstieg: ein bisschen footage von der aktuellen Hochzeit. Eine lange unbearbeitete Einstellung. Aber sie gibt die Stimmung des Festes prima wieder:

footage | maxi + auge from Licht Filmproduktion on Vimeo.



Wer das Passwort nicht kennt - macht in dem Fall nix, denn es hat nix mit dem Thema des Eintrages zu tun.



Im Hintergrund rechnet mal wieder Final Cut einen weiteren Hochzeitsfilm fertig. Und bei dem Schnitt hatte ich mir parallel dazu Gedanken über ein Thema gemacht, welches man so gar nicht seinen Kunden unter die Nase reiben sollte. Und deswegen schreibe ich es mal hier in den Blog.

Irgendwann hatte mir einmal jemande die Vermutung geäußert, dass er / sie glaubte, dass ich meine Filme perfektionistisch planen würde. Das ich ein Drehbuch habe - zumindest im Kopf. Und dass ich genau weiss wie der Film am Ende aussehen wird. Da war ich überrascht. Weil das genaue Gegenteil ist der Fall.

Ich hab meistens keine Ahnung wie der Film wird, auch nicht die nächsten 5 min. Und es ist sogar so, dass die Entstehung zu einem Großteil durch den Zufall geprägt ist. Jeder Hochzeitsfilm würde ganz anders sein, hätte ich ihn einen Tag später geschnitten. Jeder Traum den man in der Nacht zuvor geträumt hatte beeinflusst die Schnittfolge. Wenn ich Liebeskummer habe wird der Film anders als wenn ich auf Wolke 7 schwebe. Aber es müssen nicht mal so große Dinge - wie Gefühlsschwankungen oder momentane Inspirationen sein. Auch wenn ich mich relativ unbeeinflusst an die Arbeit setze - welche Szene an die nächste geschnitten wird - ist oft schlicht und ergreifend zufällig. Es gibt zig Alternativen zu der Schnittfolge die ich wählte. Ich scrolle durch die Liederauswahl und bleibe zufällig stehen. Es springt mir ein Lied ins Auge und denke: das passt prima. Dann passe ich den Rhythmus des Filmes und die Auswahl der Szenen genau dem Lied und dem Text an. Hätte ich den Finger eine Millisekunde länger auf der Magic Mouse gelassen, wäre ich bei einem ganz anderen Lied hängen geblieben. Und der Film wäre vollkommen anders geworden. Nicht zwingender Weise besser oder schlechter. Anders einfach.

Jeder einzelne Arbeitsschritt ist beeinflusst von diesen Zufälligkeiten. Und ich gebe dem Gevatter Zufall bewusst einen Raum. Ich überlege nicht zehn mal ob ich es so oder anders machen sollte. Ich denke dabei würde ein Stück messbare Perfektion einkehren. Aber ein Stück Bauchgefühl ginge dafür verloren. Unter uns: ich schau mir das Material nichtmal 100% komplett an. Ich scrolle durch die Szenen, suche mir eine Szene aus die passt und füge sie dem Film zu. Hätte ich einen anderen Ausschnitt der Szene gewählt, wäre die Szene vielleicht länger. Die Auswahl der darauffolgenden Szene würde anders ausfallen - und die anschliessende auch und die danach auch... Am Ende ist der Film fertig aber wäre ein Schnittfolge am Anfang anders gewesen wäre der komplette Film ein anderer geworden.

Das geht sogar teilweise soweit, dass ich nicht immer nur zufällig auswähle sondern dass der Zufall ohne mein bewusstes Zutun sich in den Film einmischt. Um zu schneiden muss man einen Filmschnipsel anklicken und ihn mit gedrückter Maustaste in den unteren Bereich (die Timeline) ziehen. Wenn man die Maus dann loslässt wird der Schnipsel in den Film eingefügt. Manchmal lasse ich dabei den Schnipsel schon eher los als ich wollte - aus Versehen. Dann schaue ich mir es an und nicht all zu selten merke ich - der passt da super rein.

Ich glaube sogar mein Schnittprogramm weiss das der Zufall mitunter ganz gute Schnitte erzeugt. Deswegen hat es die Funktion des Magnetismus integriert. Dabei ziehen sich Clips gegenseitig an wenn sie einander nahe kommen. Ist sie ausgeschaltet, gibt es die Hilfeleistung nicht und der Clip muss auf die fünfundzwanzigstel Sekunde genau händisch abgelegt werden. Diese Funktion kann man an und ausschalten. Manchmal denke ich sie ist aus, obwohl sie an ist. Und das verändert die Position wo der Clip landet. Und auch hier wieder: meistens denke ich - passt!

Der Zufall spielt im Schnitt eine Rolle. Wie bedeutend diese Rolle ist kann man schwer definieren. Natürlich spielt der Geschmack des Cutters immer noch eine größere Rolle... wobei ganz sicher bin ich mir da gar nicht.

Maxi+ Auge's Film ist gerade fertig gerechnet und ich kann mich an das Filterdesign machen. Deswegen komme ich heute leider nicht mehr dazu, auch über den Einfluss des Zufalls beim Drehen eines Hochzeitsfilmes zu schreiben. Aber der ist sogar noch bedeutender...

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2 replies | Antworten


  1. Markus schreibt am 16.02.2011, 12.12 Uhr

    Ja Konrad, das kann ich zu 100% unterschreiben. Schon mal an So Automatische Schnittprogramme gedacht? :-))))

    Ich sehe meist auch nur 70-80% des Materials, ob mir was gutes entgangen ist, werde ich in vielen Fällen nie mehr erfahren.

  2. Konrad schreibt am 17.02.2011, 13.07 Uhr

    Das beruhigt mich.... ich bin nicht allein :)



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