Jede Woche kommen Mails von Kollegen die
irgendetwas von Klein-Konrad wissen wollen. Das
wundert mich immer wieder und ehrt mich aber
gleichzeitig sehr. Auch wenn ich nicht immer
persönlich sondern mit einem Verweis auf
Markus' sein
Forum reagiere. (sorry!!)
Dort tummeln sich ja einige schreibfreudige
Kollegen die immer mit Rat und Tat zur Seite
stehen. Wenn ich mich frage, wie ich anderen
helfen kann, dann wohl durch ein paar Tips und
Tricks wie ich meine Filme mache. Ich war
gerade am Anfang sehr dankbar über jeden noch
so kleinen Hinweis. Aber auch heute schätze
ich den Austausch mit befreundeten Kollegen
nach wie vor. Und gestern habe ich bei einer
Aufräumaktion auf meinem Rechner ein Dokument
gefunden, welches ich irgendwann zu Beginn des
Jahres geschrieben hatte, es dann aber in den
Untiefen meines digitalem Chaos' wieder
verloren hatte. Es soll nun die Einführung
sein in das Hochzeitsfilm
Journal. Ich bin ja immer
noch für die Gründung einer
Hochzeitsfilmakademie.... begnüge mich aber
vorerst mit der neuen Kategorie :)
SCHNITT JENSEITS DER CHRONOLOGIE
Möglichkeit A einen Hochzeitsfilm zu schneiden
ist die, die sich quasi aufdrängt. Chronologisch
die Abläufe aneinanderreihen, mit Musik zu
unterlegen und somit den Ablauf des
Hochzeitstages zu dokumentieren. So werden Woche
für Woche mal mehr - mal weniger wertvolle
Erinnerungsstücke erstellt und übergeben. Die
meisten Kunden hierzulande reicht diese
Herangehensweise. Wenn gut gemacht, können solche
chronologischen Dokumentarfilme auch Begeisterung
und jede Menge Folgeaufträge generieren. Man kann
jedoch noch ein paar Schritte weiter gehen. Zwei
Möglichkeiten sollen in dem vorliegenden Eintrag
besprochen werden.
Die Vorarbeit: Das Auflösen
Wie viele Szenen haben Hochzeitsfilme? Wie viele
Einstellungen, wie viele harte und weiche
Übergänge? Wenn wir jede Einstellung als ein
Puzzleteil betrachten, welches ein großes Ganzes
bildet kann man das Bild in seine Teile zerlegen.
Im Gegensatz zu einem ordentlich – nach Anleitung
zusammengesetztem Puzzle, eröffnet sich dem
„wilden“ Puzzle nämlich die Möglichkeit zu Kunst
zu werden. Aus einem 1000-teiligen Puzzle kann
man ein völlig Neues Gebilde schaffen –durch das
kreative Kombinieren der einzelnen Teile.
Das inhaltlich orientiere Mischen
Wir verkaufen aber keine Pappteilchen mit
aufgeklebten Ausschnitten eines Fotos. Wir
verkaufen Filme aus vielen kleinen Szenen. Der
typische Film beginnt meist mit dem so genannten
„Bridal Prep“. Eine Braut wird geschminkt, die
Haare frisiert, die Trauzeugin telefoniert mit
allen Möglichen Leuten, die Braut schaut nervös
in den Spiegel, Kosmetikerin bringt ein Glas
Sekt... normale Szenen die zusammen zu einem ca.
5minütigen BridalPrep Clip zusammengeschnitten
werden mit irgendeiner romantischen Musik die
leichte Spannungsbögen aufweist. Dann
Schwarzblende und es geht zur Kirche. So kann man
eine saubere Intro in einen Film schneiden. Mit
den richtigen Kameraeinstellungen und
Farbkorrekturen bekommt man etwas hin, was einen
schön einstimmt auf das restliche Geschehen.
Doch was sind diese Einstellungen? Sie sind Teile
des Ganzen – sie sind verwoben mit den
Geschehnissen des ganzen Tages. Ein Beispiel: die
Trauzeugin ruft während ihr die Haare gekämmt
werden die Kirchenmusiker an und fragt ob sie
bereits vor Ort sind. Wozu? Klar – um sicher zu
stellen dass sie dort sind. Warum nimmt man dann
also nicht ein Stück aus dem Aufbauen der
Instrumente der Kirchenmusiker und schneidet –
wenn auch nur ein paar Sekunden – diese in das
Telefonat hinein. Oder noch besser wir nehmen das
komplette Telefonat raus aus dem Bridal Prep und
schmeißen es nach hinten in die Timeline –
nämlich an die Stelle kurz bevor das erste
Kirchenlied erklingt. Kurz vor dem Einzug der
Braut. Es wirkt Wunder die nervöse Stimmung am
Morgen mit dem einzigartigen Moment des Einzuges
direkt aneinander zuschneiden! Oder man
kombiniert den Blick der Braut in den Spiegel mit
dem Blick des Bräutigams in den Spiegel, auch
wenn der 1 Stunde später gedreht wurde. Das von
der Stylistin mit den Worten „Prost ... zur
Beruhigung!“ gebrachtes Sektglas passt garantiert
zu Momenten des wartenden Bräutigams, der tief
durchatmend an die Decke der Kirche blickt.
Was passiert wenn man so schneidet?
Sowohl mit dem Film als auch beim Zuschauer?
Zu allererst lösen wir natürlich die zeitliche
Komponente auf. Geschehenes um 11:34 Uhr wird
zwischen 10:14 Uhr und 10:17 Uhr geschnitten. Wir
teilen den Film, ja zerstückeln ihn sogar. Dies,
so könnte man kritisieren verfälscht das
Geschehen. Man beeinflusst die Wahrnehmung des
Hochzeitstages zu sehr, könnte man sagen. Aber
das ist nur oberflächig betrachtet der Fall.
Tatsächlich ist es so das wir zwar uns von der
Zeitachse entfernen – uns aber einer inneren
Empfindung der Personen vor der Kamera annähern.
Hier sage ich bewusst das wir uns
einer
Empfindung annähern – nicht
der. Es ist
eine Mögliche – ja sogar grundsätzlich eine
fiktive. Aber diese Möglichkeit erschließt dem
Film eine neue Dimension. Und eröffnet uns als
Filmemacher eine gewisse Macht: Die Steuerung der
Wahrnehmung des Filmes. Kunden, die sich bei mir
im Büro einen kompletten Film anschauen, buchen
mich weil ich dieses Machtmittel einsetze. Bisher
lief hier noch keiner raus und sagte „
Nee das
ist verfälscht“ und noch kein Brautpaar hat
eine Reklamation geäußert wie
„Das spiegelt
nicht unseren Ablauf wider“ Es ist also egal
ob die Trauzeugin, die jene Kirchenmusiker anruft
und fragt ob alles klar ist, tatsächlich das Bild
der Musiker im Kopf hat und ob sie innerlich sich
darauf vorbereitet die Klänge zu hören. Wenn wir
ihr Telefonat an die ersten Lieder schneiden –
dann entsteht die Illusion als würden die beiden
Puzzleteile zueinander gehören. Ob diese Illusion
tatsächlich Realität ist, ist eine andere Frage.
Aber zugegebener Maßen: je wahrscheinlicher es
ist, das die Illusion der Realität entspricht,
desto maximierter wird die Wirkung der inhaltlich
orientierten Montage.
Hier an dieser Stelle hilft es vielleicht die
Macht des Schnittes mit einem klassischen
Beispiel zu verdeutlichen. Der russische
Regisseur Kuleschow hatte, als das Kino noch in
den Kinderschuhen steckte ein Experiment gemacht,
welches bis heute von Bedeutung ist: Ein Teller
Suppe ist auf der Leinwand zu sehen, danach ein
Schnitt zu einem Mann. Wenig später sehen wir
einen toten Mann auf der Erde liegen, dann wieder
den Mann. Anschließend eine halbnackte Frau und
abschließend wieder den Mann. Das Publikum wurde
gefragt, wie der Mann in den jeweiligen Szenen
auf sie wirkte. Während die erste Einstellung ihn
hungrig zeigte, war er in der zweiten Einstellung
böswillig und in der dritten lüstern. Tatsächlich
waren es jedoch immer die exakt gleichen
Aufnahmen von dem Mann. (siehe Grafik)
Was bedeutet dies aber nun für unsere
Hochzeitsfilme? Die Braut die in den Spiegel
schaut und vielleicht zu 80 % mit ihren Gedanken
bei Ihren Haaren ist und mit 10% bei den Lippen,
zu 5 % bei der Kirche und zu 5 % bei Ihrem
Zukünftigen – wird in ihrer filmischen
Wahrnehmung für den Zuschauer in Gedanken bei dem
sein, was wir direkt nach der Szene schneiden.
Wenn wir wenig Geschäftssinn hätten und auf
makabere Streiche setzen, schneiden wir ein Bild
ihres Exfreundes an diese Einstellung. Dies
empfiehlt sich aber nur nachdem alle Rechnungen
per Vorkasse bezahlt sind. Im Ernst: schneidet
man an so einen Blick in den Spiegel einfach die
nächste chronologisch korrekte Szene (zum
Beispiel, wie sie den Blick vom Spiegel nimmt)
verschenkt man eine wunderbare Möglichkeit mit
seinem Film eine Geschichte zu erzählen. Egal ob
man nun den Bräutigam zwischen schneidet wie er
in den Spiegel blickt, ihn in der Kirche auf und
abgehen zeigt... in jedem Fall erzeugen solche
Aneinanderschnitte eine Nähe zu den Beiden, da
man sie nicht nur sieht sondern sie sich durch
die Betrachtung des Filmes verbinden. Und die
Spiegelmöglichkeit ist nur eine – ich gebe zu
eine recht einfache, aber eben auch einfach zu
erklärende. Es gibt unzählige Möglichkeiten die
Macht des Schnittes zu nutzen.
Diese beschriebene Herangehensweise würde ich als
inhaltlich-orientierte Montage bezeichnen. Des
Weiteren gibt es die Möglichkeit auf rein
ästhetische Art den Schnitt zu „missbrauchen“.
Ästhetische Montage
Auch ich habe zu Beginn relativ chronologisch
gearbeitet. Und der Sprung zu dem
geschichtenerzählenden Schnitt kam nicht von
heute auf morgen. Vorher kam noch das rein
ästhetische Schneiden: Brautpaar geht in die
Kirche. Unterlegt mit schneller Musik. Auf den
Takt genau wechselt Zeit und Raum. Ein Schritt
zur Kirche. Blumenstraußwerfen. Der nächste
Schritt. Tortenanschneiden... Das Zerstückeln und
erneute Zusammenpuzzeln des Filmes hat dabei
weniger inhaltliche Beweggründe als das es dem so
genannten grafischen Schnitt entspricht. Dieser
geht zurück in die frühe Zeit des Kinos:
Eisenstein behauptete das es der Natur des Filmes
widerspräche wenn man nach einem
Kontinuitätsprinzip schneidet. Vielmehr sollten
Fetzen aneinandergereiht werden und der Zuschauer
fügt die Elemente zu einem neuen Ganzen zusammen.
Man gibt dadurch ein wenig die
Sehwahrnehmungskontrolle des Zuschauers ab. Diese
Form des Schnittes hat dennoch häufig seine
Berechtigung. Wie oft kommen Paare zu mir und
wollen es
anders ...
modern.
Durch nichts erreicht man Modernität effektiver
und schneller als durch die von Einsenstein
geforderte Schnitttechnik aus dem Jahre 1920!!!
Welche Form der Auflösung der zeitlichen
Komponente auch immer gewählt wird, eines ist
gewiss: die filmische Wahrnehmung wird
interessanter und man grenzt sich von seinen
Mitbewerbern ab wenn man anfängt Chronologie
weniger ernst zu nehmen und stattdessen
Geschichten zu erzählen. Dafür braucht man keinen
Kommentar, keine Texttafeln und man muss nichts
großartig inszenieren. Stattdessen nutzt man nur
die filmeigenste Eigenschaft unserer
Kunstrichtung: den Schnitt.
1 replies | Antworten
Das hast Du ja mal wieder wunderbar beschrieben.