Herr Lehmann

Herr Lehmann - Mensch unter Menschen

Frank, alias Herr Lehmann sei ein komischer Kauz. Dies sagt ihm seine neue Freundin nach wenigen Gesprächen ins Gesicht. Und in der Tat ist er dies auch. Komisch im Sinne von ungewöhnlich, unnormal und unkonventionell. Im Gegensatz zu den meisten Akteuren in dem gleichnamigen Film, lehnt es Herr Lehmann ab, Gespräche auf der Grundlage von normierten Konventionen zu führen. Da in meinen Augen der Umgang unter Menschen primär das Thema des Filmes ist möchte ich vorab diese unterschiedlichen Standpunkte erläutern. Die eigentliche Story wurde vielerorts umrissen, kommentiert und mit der Buchvorlage von Regner verglichen. Dies interessiert mich hier nicht, da die Geschichte für die Wahrnehmung des Filmes relativ unbedeutend ist. Was den Film in meinen Augen auszeichnet ist das Spektrum der Dialoge und wie diese inszeniert wurden.

Reden um verstanden zu werden?

Grob kategorisiert konfrontiert der Film Herr Lehmann seinen Betrachter mit zwei Formen des Dialoges.

Form 1 basiert auf konventionellen Dialogen wie Sie im Alltag Gang und Gebe sind. Person A passt auf, dass sein Gegenüber B mit Hilfe des Gesagtem Person A möglichste einfach und bequem versteht und einordnet. Person B wiederum bemüht sich Verständnis für das von A Gesagte zu vermitteln. Ist dieser Konsens bei gewissen Themengebieten nicht absehbar, wird das Gedachte und Gefühlte auf modifizierte, leicht verdauliche Weise formuliert. Diese Form des Dialoges steht in unserer Welt auf der Tagesordnung und wird bei Politikern, die mit jedem Satz in Talkshows versuchen Wähler für sich zu gewinnen wunderbar offensichtlich. Jedoch auch auf kleinster Ebene bestimmt der Wille nach einem konsensorietierten Gespräch die Dialoge. Egal ob dies bei Gesprächen unter Nachbarn, Verwandten oder eben Freunden der Fall ist. Es ist etwas, was in der Natur von uns Menschen integriert zu sein scheint. Da nicht nur unsere Sprache ausdrückt was wir denken, sondern umgekehrt das was wir sprechen auch oft beeinflusst was wir denken – haben die Gesprächspartner dieses auf Verständnis ausgerichtete Verhalten verinnerlicht. Warum dieser, zugegebener Maßen stark vereinfachter Exkurs in die Sprachwissenschaft und Soziologie für den Film Herr Lehmann von Bedeutung ist, wird am besten deutlich wenn wir unser Augenmerk auf die Person Herrn Lehmanns richten, und darauf, wie er Dialoge führt. Wie unschwer zu erraten, stellt dies nämlich die oben erwähnte zweite Form des Dialoges statt.

Herr Lehmann spielt die konventionelle Form des Dialoges nicht – meistens zumindest. Er sagt die Sachen direkt offen heraus, achtet nicht auf Konventionen oder wie das Gesagte möglicherweise bei Jemanden ankommt der gewohnt ist von seinem Gegenüber Anerkennung zu erhalten. Herr Lehmann konfrontiert seine Gesprächspartner (meistens) ungefiltert und direkt. Dies fühlt sich mitunter wie ein Vorschlaghammer an, dem er seinem Gegenüber auf den Kopf schlägt. Solche Gespräche sind in jedem Fall für den konventionellen Gesprächspartner gewöhnungsbedürftig. Auf Herrn Lehmann reagieren daher seine Gesprächspartner immer wieder ausweichend mit Sprüchen wie „Das sagt man halt so“ oder „Darum geht es doch gar nicht“ Missverständnisse sind vorprogrammiert. Was für die Einen normale Konversation ist, stellen für Herrn Lehmann nichtsnützende Verpflichtungen dar. Dennoch wird Herr Lehmann keineswegs als Konversationsheld dargestellt. In einigen Gesprächen passt er sich an, und redet ähnlich oberflächig wie es von seinem Umfeld erwartet wird. Der Reiz des Filmes besteht genau darin, wie sich jemand der für die Gesprächskonventionen herzlich wenig übrig hat mit seinem Umfeld arrangiert; welche kleinen und großen Konsequenzen die eine und die andere Positionierung in den Gesprächen haben.

Der Film Herr Lehmann stellt aus meiner Sicht eine Srach- und Verhaltensstudie des Menschen dar, er formuliert also ein Menschenbild, was ihn ganz klar zu einem Autorenwerk macht, auch wenn mir nicht ganz klar ist, wem dieser Verdienst am ehesten zu kommt – Dem Autoren, dem Regisseur oder Beiden. Da der Film jedoch neben diesen Qualitäten auch durch ein gehörige Portion Komik, abgefahrener Musik, teils genialen Schauspielerleistungen, Unterhaltung auf mehreren Ebenen und nicht zuletzt künstlerischer Kamera- und Schnittgestaltung glänzt, zählt Herr Lehmann als einziger deutscher Film zu meinen Top Ten der Besten Filme aller Zeiten.

Das oben dargestellte erklärt anhand von Beispielen

„Ich bin genau der, der ich bin“

So lautet seine Selbsteinschätzung. Herr Lehmann erlaubt es sich selbst nicht nur tiefe Liebe zu seiner neuen Freundin Katrin zu empfinden und gleichzeitig das Bedürfnis zu akzeptieren einen Aschenbecher für seine Zigarette zu benötigen. Er äußert beide Gefühle auch seiner Freundin in einem Atemzug. Ihm ist dies auch völlig selbstverständlich. Auch wenn Seine Freundin daraufhin grinst, sie muss erstmal fragen ob er das „vorhin“ ernst gemeint hätte. Völlig unbegreiflich fragt Herr Lehmann daraufhin „Was denn“. Nach einer kurzen Erklärung sagt Herr Lehmann dann, das er so etwas nicht einfach daher sagt. In dieser kurzen Sequenz wird deutlich dass Herrn Lehmann schlichtweg das Gespür für rücksichtsvolle Konversation fehlt. Er hat keinen eingebauten Filter, der seine Sätze erst prüft, wie sie bei seinem Gegenüber ankommt. Außerdem wird deutlich, welche Gefahr eine solche offene Art mit sich bringt. Vor dem Hintergrund der Unnormalität dieser filterlosen Aussagen wirken unverpackte Äußerungen als unhöflich, missverständlich ggf. auch aggressiv. Seine Freundin, obwohl sie ihn auch liebt – verlässt Herrn Lehmann innerlich und betrügt ihn mit einer anderen – konventionelleren Figur des Filmes.

Die Trennung der beiden Figuren verdeutlicht die Distanz, welche zwischen den beiden Figuren steht noch eindringlicher. Ganz kurz zur Vorgeschichte, weil dies zum Verständnis der Erläuterung nötig ist: Herr Lehmann sollte über die Grenze nach Ostberlin um einer Verwandten 500 Mark zu bringen. Die Grenzbehörden vernehmen ihn als Schmuckler, kassieren das Geld ein und schicken ihn zurück. Mit Katrin hat er sich in Ostberlin verabredet. Da er nicht nach Ostdeutschland gelassen wird, kehrt er zurück und versucht sie mehrmals besorgt anzurufen. Dies geschieht zum Beispiel unmittelbar nachdem eine Bekannte ihn fragt, ob er jetzt richtig fest mit Katrin zusammen sei. Er antwortet nicht, sondern geht direkt zu einem Telefon um ihr erneut besorgt auf die Mailbox zu sprechen. Danach redet er wieder mit der Bekannten. Dem Zuschauer wird auf diese Weise vermittelt, wie ernst ihm seine Gefühle für Katrin sind. Was er zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnt, ist das seine geliebte Katrin sich in der Zwischenzeit mit einer anderen Figur eingelassen hat. Der Film legt nahe, dass dies geschieht, weil sie die Gefühle von Herrn Lehmann nicht richtig einschätzt und sich nicht geliebt fühlt an anderer Stelle heißt es zwar, dass sie ihn nicht liebt, jedoch stimme ich dem nicht zu. Einerseits sagt sie ihm dies direkt andererseits zeigt sie Herrn Lehmann auch in verschiedenen Szenen, das sie genauso stark für ihn empfindet. Würde sie keine Liebe für ihn empfinden, wäre der Schock bei der Betrachtung des Fremdgehens nicht so stark. Soweit die Vorgeschichte. Nun zu der Trennung: Noch immer besorgt holt sich Herr Lehmann in einem Imbiss etwas zu essen. Als er auf sein Essen wartet, betritt Katrin mit ihrem Neuen das Lokal. Herr Lehmann blickt sich verwundert um, bleibt aber unerkannt. Katrin küsst ihren Neuen. Sichtlich geschockt und gekränkt macht sich Herr Lehmann bemerkbar. Es kommt zu einer Aussprache, welche die Distanz und die Missverständnisse zwischen den Beiden deutlich macht. Katrin eröffnet das Gespräch vielsagender Weise mit dem Satz „Frank, ich weiß was du jetzt denkst“ Sich darüber Gedanken machen, was andere Denken, ist eben eine Vorrausetzung für die filterhafte, auf den anderen ausgerichtete Kommunikation. Als Herr Lehmann wissen möchte wie es zu der Entwicklung kam fragt Katrin „Wieso willst du das jetzt wissen?“. Verständlicherweise antwort Herr Lehmann darauf „Was ist das denn für eine blöde Frage? Wieso soll ich das denn nicht wissen wollen?“ Katrin war es überhaupt nicht klar, wie sehr Herr Lehmann sie liebt. Sie hat aufgrund von seiner „komischen“ Art gedacht, es sei nicht so ernst, als das ihn es interessiert, wie es zu der Trennung kam. Nachdem Katrin ihn ansatzweise darüber aufgeklärt hat, wie sie mit dem Neuen zusammenkam, bricht sie die Erklärung ab mit dem Satz „Darum geht’s jetzt gar nicht“ Fingerzeigend wiederholt Herr Lehmann den Satz, steht auf um sich sein Essen von der Theke zu holen und fragt „Worum geht es denn?“ Katrin meint daraufhin „Ich finde nicht dass du irgendwelche Ansprüche auf mich hast“ Wieder zurück auf dem Barhocker entgegnet Herr Lehmann „Ansprüche? Hab ich irgendetwas von Ansprüchen gesagt?“ In der Tat her Herr Lehmann nie irgendwelche Ansprüche an Katrin gestellt. Seine besorgten Anrufe waren ehrlich gemeint. Seine Liebesäußerungen waren genauso ehrlich. Menschen, wie Katrin, die jedoch das was sie sagen filtern, gehen automatisch davon aus, dass die Aussagen anderer auch gefiltert sind. Diese Aussagen müssen also um in ihrer Tiefe verstanden zu werden rückinterpretiert werden. Auch wenn dies vielmals zuverlässig, schnell und unbewusst klappt – die Gefahr der Missverständnisse sind immer omnipräsent. So auch hier. Seine Zuneigung gepaart mit anderen Aussagen wie der Frage nach dem Aschenbecher ließen Katrin daran zweifeln, ob Herr Lehmann es wirklich ernst meint. Seine Verärgerung über ihr jetziges Verhalten interpretiert Katrin als „Ansprüche stellen“. Da der Zuschauer aber Herrn Lehmanns Direktheit kennt, ist ihm klar, dass es ihm hier keinesfalls um seine Ansprüche geht, sondern eben um seine Enttäuschung. Interessanterweise stellt er dies auch klar, wenn er wieder auf dem Barhocker sitzt. Das Sitzen ist hier eine Unterstreichung des offenen Gesprächs. Als Katrin ihm seine Anspruchnahme vorhält, wendet er sich ab um. In dem Dialog am Tresen dominiert Herr Lehmanns Offenheit. Wenn Katrin versucht sich zu erklären, vergleicht Herr Lehmann laut ihre Gesprächsführung mit der unnatürlichen, amtlichen Art der Vernehmung der Grenzbeamten. Er fordert Katrin auf zu sagen, wovon sie konkret spricht. Er fordert sie zu Offenheit, Ehrlichkeit auf, ohne alles zu verpacken. Ihre Art des Dialoges vergleicht er weiter mit der Art wie Erwachsene mit kleinen Kindern reden. Hier wird ein möglicher Bezug erstellt wie es soweit kommen konnte, dass die Gesellschaft in ihrem Reden alles filtert. An anderen Stellen im Film muss Herr Lehmann wie sonst nirgends Gespräche führen wo ständig um den heißen Brei geredet wird – Gespräche mit seinen Eltern. Herr Lehmann hält Katrin vor, nur blödsinnige Fragen zu stellen und vernünftige Fragen seinerseits beantworte sie nur unterschätzend, als ob er es eh nicht verstehen könne. Er hält ihr vor, sie unterschätze ihn. Interessanterer Weise war dies ein Punkt, welchen sie am Anfang ihrer Beziehung festgestellt hat. Nachdem sie das erste mal miteinander geschlafen haben, sagte Katrin zu ihm, dass sie glaubt, die anderen würden ihn unterschätzen. Nun macht sie es selbst. Wie wichtig ihm es ist, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen zeigt Herr Lehmann, als Katrin ihm sagt er solle sich doch nicht aufregen. Herr Lehmann sagt darauf, dass es sein gutes Recht sei sich in dieser Situation aufzuregen. Während Katrin es normgerecht fände, wenn er seine Gefühle beherrschen würde, wäre dies laut Herrn Lehmann gleichbedeutend tot zu sein. Zu sagen was er denkt und fühlt ist für Herrn Lehmann lebenswichtig. Ihm ist es wichtig sich aufregen zu dürfen – und als Katrin ihm dies beinahe im Gehen zugestehen will sagt er nur ruhig „Nee, wann ich mich aufrege, entscheide ich“ Das weitere Gespräch ist gekennzeichnet davon, dass Katrin ihn immer wieder interpretiert und ihm diese Interpretation vorwirft. Herr Lehmann streitet diese Interpretationen ab und beharrt darauf seine Emotionen so wie sie sind zu äußern. Katrins Ausspruch „So nicht, mein Lieber, so kannst du nicht mit mir reden“ bringt ihre Gesprächsvorstellung und -erwartung auf den Punkt. Herr Lehmanns Antwort darauf bringt wiederum seinen Standpunkt auf den Punkt: „Ich rede wie es mir passt“ Daraufhin – im Bistro stehend – sagt Katrin zu Herrn Lehmann das es aus ist. Das sei aber nicht ihr Spruch. Wieder ist es von Bedeutung, dass Katrin aufgestanden ist. Zu Beginn des Gesprächs forderte Herr Lehmann sie dazu auf, sich doch zu setzen, da ihn das nervös mache. Solange sie sitzt versucht sie zumindest mit Herrn Lehmann sich zu verständigen. Nachdem Katrin ihm sagte, dass es aus ist, verlässt Herr Lehmann den Stuhl stellt sich neben sie und karikatiert ihr verstelltes Reden. Wie in einem letzten Akt eines großen Theaterstücks sagt Herr Lehmann zu ihr dass es aus sei, verbeugt sich wie nach einer großen Show, bezahlt und geht.

Die Szene auf Youtube schauen:



In dieser Trennungsszene wird deutlich welche Konsequenzen auftreten können, wenn ein offener Mensch mit jemanden spricht, sich verbindet, verliebt in jemaden, bei dem Reden auf Verschleierung und Zuhören auf Interpretation beruht. Der ganze Film besteht aus derartigen Konflikten, Gesprächen, Reden die nichts aussagen, Reden die etwas aussagen aber nicht verstanden werden. Und vereinzelt Gesprächen wo eine echte Nähe zwischen den Beteiligten entsteht. Der Film liefert keine klare Stellungnahme wie man sich verhalten soll, ob man Gespräche zum Zwecke des harmonischen Zusammenseins verschleiern sollte oder ob man immer alles sagen sollte was man meint. Oberflächlich betrachtet ist Herr Lehmann gegen Ende des Filmes durchaus gescheitert. Man sieht in betrunken, verlassen und versöfft – als er die Nachricht vom Mauerfall hört ist ihm sein Bier wichtiger. Es bleibt dem Zuschauer selbst überlassen ihn einzuschätzen. Oftmals wurde seine Figur als Versager betitelt. Der Film selbst spiele sich in einer Subkultur ab. Ich bin jedoch anderer Meinung. Der Film zeigt etwas was das Menschsein ausmacht. Er setzt sich mit dem was das Zwischenmenschliche ausmacht auseinander. Es bleibt dem Zuschauer überlassen welche Botschaft er aus den Dialogen für sich mitnimmt. Die überaus unterhaltsame und deutliche Herangehensweise an diese Thematik kann man dem Film aber nicht abstreiten.

Offizielle Webseite des Filmes mit einem sehr interessanten Tagebuch über die Dreharbeiten.


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